Stolperstein Religion

Seit langer Zeit glaube ich (Christian) weder an Götter noch an Religionen. Ich bezeichne mich als Atheisten, als Nicht-Gläubigen. In dieser kurzen Reflexion untersuche ich, auf welche Weise Religion mich im Alltag weiterhin behindert, verstrickt und gelegentlich zu Fall bringt.

Moral und ihre Usurpation

Die Religion hat die Moral gekapert. Viele Menschen halten unbeirrt an der Vorstellung fest, zwischen beiden bestehe eine unauflösliche Verbindung – als sei ein ethisches Leben ohne göttliche Sanktion undenkbar. Doch Moral entspringt, so meine Überzeugung, dem Mitgefühl und der Sympathie: dem Erkennen des Menschen als Zweck an sich und nicht als Mittel zu fremden Zwecken. Religion besitzt kein Monopol auf Tugend. Gläubige verteidigen ihren Glauben häufig mit moralischen Argumenten und ermahnen Nicht-Gläubige zu einem «rechtschaffenen Leben». Die Anmaßung ist ungeheuerlich: Wie können sie sich als Hüter der Moral aufspielen?

Tradition und Artefakt

Religion verankert sich in der Gesellschaft durch Traditionen und Artefakte, die so allgegenwärtig erscheinen, dass sie unvermeidlich wirken. Kirchliche Feiertage wie Ostern und Weihnachten strukturieren den Kalender; Heilige und Jungfrauen werden verehrt; Kreuze, Kerzen und sakrale Bilder bevölkern öffentliche Räume. Prächtige Kirchen und Kathedralen, so ästhetisch beeindruckend sie auch sein mögen, sind Monumente dieser dauerhaften Präsenz.

Die Patenschaft

Eine besonders christliche Sitte ist die Patenschaft. Wer ein Patenkind anvertraut bekommt, empfindet zu Recht Stolz über das Vertrauen der Eltern und nimmt – selbst als Nicht-Gläubiger – an den Ritualen von Taufe, Kommunion und Firmung teil. Doch hinter der Freude verbirgt sich ein pragmatisches Arrangement: Patenschaft bedeutet weniger geistliche Führung als vielmehr Verantwortung im Falle des Unglücks. Sie ist im Kern eine Zweckgemeinschaft, die sich in religiöse Zeremonie kleidet.

Sprache als Träger des Glaubens

Selbst unsere Sprache bewahrt die Macht der Religion. Der Kalender beginnt mit der Geburt des fiktiven Christus; Jahre werden in «vor» und «nach» ihm unterteilt. Alltägliche Rede ist durchsetzt mit Anrufungen – «um Gottes willen», «Gott sei Dank», «oh mein Gott» – reflexartig geäußert, selbst von Nicht-Gläubigen. Diese Floskeln, durch ständige Wiederholung entleert, perpetuieren dennoch die Präsenz der Religion im Bewusstsein.

Die Heuchelei der Festlichkeit

Begriffe wie «Besinnung» und «Stille» schmücken zahllose Weihnachtskarten, während die Realität von Ausgelassenheit geprägt ist – knallende Korken, überladene Tafeln. Die Heuchelei ist frappierend: Weihnachten ist kein Begräbnis, auch wenn seine Sprache es nahelegt. Der Advent, mit seinem ritualisierten Getöse in Rundfunk und Fernsehen, verstärkt das Spektakel nur. Selbst das Läuten der Kirchenglocken, so wohlklingend es sein mag, bestätigt die akustische Herrschaft der Religion im öffentlichen Raum.

Toleranz und ihre Grenzen

Religion durchdringt das öffentliche Leben, weil wir es zulassen – weil wir es tolerieren. Toleranz ist zweifellos eine Tugend. Doch unter dem Deckmantel «Religion ist Privatsache» entsteht eine ungeschriebene Regel: Man solle sie nicht diskutieren, nicht über Religion reden. Würde man dieser Regel folgen, käme es einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gleich. Blindes Tolerieren vernebelt den Blick, lässt Sentiment und Tradition die kritische Vernunft überlagern. Der Weihnachtsbaum, ursprünglich ein heidnisches Symbol der Wintersonnenwende, ist längst christlich vereinnahmt. Weihnachtslieder erwärmen das Herz nur, wenn man ihre Texte ignoriert. Was bleibt, ist die Trunkenheit der Tradition, ein angenehmer Rausch, der die Prüfung verhindert.

Ornament und Macht

Öffentliche Bräuche dienen als Schmuck für religiöse Institutionen, verschönern ihre Gebäude und verleihen ihnen Legitimität. Doch die Kosten tragen selten die Institutionen selbst. Der Vatikan, unwillens, selbst eine neue Kaserne für seine Schweizer Garde zu finanzieren, verlässt sich auf die Großzügigkeit der Schweizer Gläubigen – Katholiken, die sich durch Spenden womöglich den Himmel erkaufen wollen. Religion gedeiht nicht allein durch private Frömmigkeit, sondern durch öffentliche Zurschaustellung, subventioniert von der Gesellschaft.

Schlusswort

Tut, was ihr wollt, in eurem privaten Leben. Glaubt, feiert, schmückt eure Häuser mit Symbolen, wenn ihr müsst. Doch beruft euch nicht auf die Heiligkeit der Privatsphäre, um mich zum Schweigen zu bringen. Die Religion mag mich stolpern lassen – aber sie wird mich nicht mundtot machen.

Wir alle sind Atheisten in Bezug auf die meisten Götter, die die Menschheit jemals verehrt hat. Einige von uns gehen nur einen Gott weiter. – Richard Dawkins (Der Gotteswahn)


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