Die neue Schweiz

Ich habe mich gefragt, ob sich meine Wahrnehmung der Schweiz in den bisher 4 Jahren Wohnsitz und Lebensmittelpunkt in Frankreich, verändert hat. Ja, stelle ich fest.

Niemand in meinem Umfeld – weder Franzosen noch Zugewanderte aus dem Ausland – hat eine aus meiner Sicht auch nur halbwegs zutreffende Vorstellung der Schweiz. Die Vorstellung der Schweiz versinkt in Narrativen, von harmlos bis skrupellos. Harmlos ist die Vorstellung der Berge und der Schokolade. Skrupellos das viele Geld und die Banken.

Alle denken, die Schweiz sei teuer. Schweiz = teuer, einfache Formel. Ob man nun die Kaufkraft der Schweizer berücksichtigt, wodurch die Schweiz für Schweizer weniger teuer ist, ändert wenig, denn die Schweiz ist einfach teuer! Das einzige wichtige Konsumgut in Frankreich, welches nicht günstiger ist als in der Schweiz (und mir gerade einfällt), ist Benzin.

Man glaubt auch, alle Schweizer seien reich. Die Erkenntnis, dass dem nicht so ist, folgt jeweils auf dem Fuße, erwächst aber weniger aus Kenntnis demografischer Daten. Sie gründet vielmehr auf der volkswirtschaftlichen Unmöglichkeit eines Landes mit ausschließlich reichen Leuten.

Die Medien die ich in Frankreich konsumiere, berichten selten von der Schweiz und wenn, dann objektiv. Zum Beispiel beim US-Zolldebakel mit anfänglich 39% Zoll. Schweizer Medien teilen hingegen kräftig aus, wenn in Frankreich etwas schief läuft. Es läuft einiges schief und Frankreich ist einer der großen Nachbarstaaten. Die Kleinen interessieren sich eher für die Großen als umgekehrt.

Über die Rahmenvereinbarung Schweiz-EU erfahre ich sehr viel aber ausschließlich in Schweizer Medien. Hierzulande kümmert sich niemand um dieses Vertragswerk. Immerhin lebe ich aber in einer Region, in der auch viele Briten leben, die unter dem Brexit viel gelitten haben. Da ging es ja auch um die Souveränität eines Landes, die es zu stärken galt. – Mit schmerzlichen Nebenwirkungen. Vor einem Souveränitätsverlust fürchtet man sich ja auch in der Schweiz wenn es um die Bilateralen III geht.

Das führt mich zur Frage, ob die Schweiz überhaupt ein souveräner Staat ist, was man für gewöhnlich annimmt. Nach innen bestimmt. Aber nach außen? In wirtschaftlicher Hinsicht ist die innovative und leistungsfähige Schweiz abhängig von Handelspartnern und dem wirtschaftlichen Umfeld. Dort wird ja das Geld verdient. Politisch ist die Schweiz neutral und blockfrei. Sie hat nicht mehr zu bieten als gute Dienste. Ist die Schweiz heute wirklich souverän oder nur unerkannt? Würde die Schweiz mit einer engeren Bindung an die EU Souveränität einbüßen? Hätte eine allfällige Einbuße mitunter auch positive Auswirkungen, die aufwiegen oder gar überwiegen?

Wenn ich feststelle, dass man hier im Ausland über die Schweiz in Narrativen denkt, frage ich mich, ob man das in der Schweiz nicht auch tut? Im rechtsbürgerlichen Umfeld wird die Eidgenossenschaft gerne bemüht, um die Unabhängigkeit des Landes zum Ausdruck zu bringen. Gibt es diese Eidgenossenschaft mit ihren Schwüren, Söldnern und Schlachten überhaupt noch? Wurde sie nicht mit der Staatsgründung im Jahr 1848 ad acta gelegt? Ist der Bundesbrief nicht einfach ein Dokument in einem Museum in Schwyz? Hat Arnold Winkelried nicht ausgedient? Herr Blocher vielleicht auch?

Welche Möglichkeiten habe ich? Ich kann weiter versuchen die Vorstellungen zu korrigieren, die ich für falsch halte. Ich könnte aber auch akzeptieren, dass die Schweiz eher so ist, wie sie in meinem heutigen Umfeld wahrgenommen wird. Die Schweiz der Berge und Banken. Der opportunistische Kleinstaat, der überall mitmischt und dessen Hauptstadt niemand kennt, weil immer nur von «Geneva» die Rede ist. Das Land das nicht klein sein will, sich aber immer klein macht, wenn Gefahr droht. Das politisch neutrale Alpenparadies.

Ich könnte es auch bei meinen Erinnerungen an meine 60 Jahre in der Schweiz belassen. Ich glaube, das ist am einfachsten.

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