Zum Glück bin ich alt (nicht mehr jung)

Wissen Sie was Glück ist? Zum Beispiel wenn man am Morgen erwacht und feststellt, dass man heute gar nichts zu tun hat. Beim Frühstück kann man sich dann ein paar Gedanken machen, womit man die Tageszeit ausfüllen will. Für viele Leute ist das aber überhaupt kein Glücksgefühl. Sie fühlen sich nutzlos oder bedeutungslos, dabei haben sie so lange vom Nichtstun geträumt. Ich mache mir zum Zeitvertreib oft Gedanken über dies und das. Weil ich alt bin – oder nicht mehr jung – kann ich mich besser an frühere Zeiten erinnern. Ich träume sogar davon. Okay, nicht gleich übertreiben: Ich bin 64 geworden und schon seit 63 pensioniert. Ich gehöre noch knapp zu den Babyboomern, bin also etwa 3 Jahre am Pillenknick vorbei geschrammt. Gut so, denn eigentlich kann jeder froh sein, auf die Welt gekommen zu sein. Zu leben ist ein großes Glück.

Ich bin aber verblüfft, wofür wir Babyboomer aus den großen Schulklassen und den Mehrfamilienhäusern mit den Giebeldächern und den kleinen Balkonen und den Sandkästen hinter dem Haus, schwindlig von stundenlangem Schaukeln, heute verantwortlich gemacht werden: Für den Klimawandel und Mikroplastik im Essen und Makroplastik im Meer und für die Immobilienkrise, weil wir unsere großen Einfamilienhäuser nicht verlassen wollen, weil wir Platz brauchen, wohl weil wir damals wenig davon hatten. – Zu zweit im Kinderzimmer und so. Ich war ein Einzelkind. Schwein gehabt. Heute: Immobilienpreise explodieren, Dichtestress (in der Schweiz), «jeder» will Teilzeit aber gleich viel verdienen, Laubbläser sind in Zürich verboten, außer vorübergehend bei Laub im Herbst. Wünsche und Ängste halten sich die Waage und sind gleichermaßen übertrieben.

Dabei war es damals auch nicht so einfach in der Sonnenstube des Babybooms: Wir hatten die Luftverschmutzung und bekämpften sie mit Katalysator und bleifrei. Das Ozonloch wurde mit FCKW-freien Spraydosen wieder zugestopft. Zum Glück brauchte es weniger Haarspray, weil die toupierten Frisuren der Frauen in den 1970ern aus der Mode kamen. Die Ölkrise bekämpften wir mit autofreien Sonntagen. Der saure Regen verschwand irgendwie von selbst und mit ihm das Waldsterben. Will man heute einen Borkenkäfer bewundern, muss man in den Zoo. Die Schweizer Seen wurden sauber, mit Kläranlagen, besseren Waschmitteln mit weniger Phosphaten. Dann ging der Reaktor Nummer 4 in Tschernobyl in die Luft. Dafür konnten wir nichts.

Auch die Geopolitik funktionierte ähnlich wie heute. Der kalte Krieg war Tagesgespräch bis er endete. Atomar bestückte Mittelstrecken-Raketen wurden auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stationiert. Kriege in Vietnam, Afghanistan, Ex-Jugoslawien, Irak 1 und Irak 2. Israel verteidigte sich an allen Grenzen gegen die Araber. Iran geriet vom Regen in die Traufe. – Vom Bikini in den Hijab. Arafat und die Palästinenser liefen aus «Free Palestine» hinaus. Der geplante Palästinenser-Staat war nicht perfekt aber großzügig bemessen, geschichtsträchtig mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt und dennoch nicht genehm. Alles oder Nichts. Nichts war besser, da ein eigener Staat viel Arbeit bedeutet für die, die lieber jammern. Arafat starb in Paris als Milliardär. Der mittlere Osten ist präsenter denn je.

Es war damals gleich wie heute.

Nun kommt die künstliche Intelligenz und wird uns einen großen Strukturwandel bescheren. Wir wissen nicht, was alles auf uns zukommt, aber wir haben viel Erfahrung mit Strukturwandel seit der Industrialisierung. Übrigens dachte man in den 1990er Jahren, die Ölreserven würden noch 20 Jahre reichen. Vielleicht geben wir besser auch heute nicht so viel auf Prognosen.


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