Der Begriff «Vaterland» und ganz selten auch der verwandte Begriff «Mutterland» ist immer im Kommen, wenn es geopolitisch wieder einmal ächzt und kracht, oder wenn in der Schweiz alle paar Jahre EU-feindliche Volksabstimmungen anstehen. Dann wird aus allen patriotischen Rohren gefeuert. Die Fahnen fliegen hoch in die Luft beim Fahnenschwingen – einer schweizerischen Exklusivität – und kollidieren beinahe mit einem zu tief fliegenden Kampfjet oder einer Drohne und die Politik verwandelt sich in ein eidgenössisches Schwingfest der Sonderklasse. Gegner und Befürworter von Initiativen wälzen sich im Sägemehl unter der brütenden Sonne, angeheizt durch den Klimawandel, den Nebelspalter und die Weltwoche.
Die sozialen Medien überquellen mit patriotischen Ergüssen stolzer SchweizerInnen, meistens aber nur in den Kommentaren. Hinter jedem Satz findet man gut und gerne 5 Ausrufezeichen oder Schweizer-Fähnli oder fünfzehn mal JA, damit die Meinung, auf die man ein Recht hat, beim erschrockenen Leser auch wirklich einsinkt, Orthographiefehler en masse hin oder her. Auf die Botschaft kommt es an und wenn gerade nichts einfällt, nehme man die KI zu Hilfe. Das liest sich dann so gut, dass man es nicht einmal zu lesen braucht, bevor man es «postet». Wenn mir das Narrativ der Eidgenossen wieder einmal die Hirnzellen verklebt, wie man es Hirngespinsten nachsagt, dann mache ich mir ernste Gedanken dazu:
Eidgenossen gibt es offiziell seit der Staatsgründung – nicht zu verwechseln mit dem Rütlischwur – keine mehr. Es gab ohnehin nicht mehr so viele davon. Sie sind während Jahrhunderten immer wieder an Missernten verhungert, im Sold von Schweizer Regimentern für fremde Vaterländer abgekratzt und dann ab Ende des 18. Jahrhunderts in beeindruckender Zahl ausgewandert, immer wenn es mal wieder nichts zu fressen gab. Erst die Staatsgründung und vor allem die wachsende Industrialisierung machten Eidgenossen zu Staatsbürgern, milderten die Armut der stolzen Schweizer und brachte einige sogar zu Glück und Vermögen. Erfunden wurde unser Staat am Wiener Kongress (1814/15) quasi von der EU, damals Preussen, Österreich, Frankreich, Russland und – leicht abgeschlagen – Großbritannien. Von der Erfindung zur Staatsgründung dauerte es ein wenig und es wurden auch andere Staaten erfunden.
Der Begriff Vaterland oder Patria – wie der Lateiner spricht, damit man es weniger gut versteht – bezieht sich wohl auf Generationen von Vätern und Vorvätern, und weist aus einem, mir nicht zu erschließenden Grund, eine positiv würdevolle, wenn nicht heldenhafte Konnotation auf. Was soll ich aber mit all diesen Vätern? Ein Land voller Väter? Was soll mir das nur bedeuten? Die Summe aller Väter ergibt ein Land? Die Mütter und die Kinder stehen auch noch rum und der Hund ist Familienmitglied? Alle Hunde zusammen sind das Hundeland?
Der Patriotismus steht auf tönernen Füssen, weil man ihn nicht so recht erklären kann und weil man ihn nur dann aus der Staubschublade holt, wenn man einen Krieg anzettelt, den man nicht selbst ausfechten will. Dann wendet man sich in patriotischer Manier an seine Untertanen und erweckt in Ihnen ein Stolz-Gefühl. Ähnlich verhält es sich bei Volksabstimmungen – auch eine Art Krieg – mit patriotischem Beigeschmack. Die, welche darauf reinfallen, fühlen sich wie stolze Schweizer im – ein wenig zu engen – T-Shirt mit Schweizerkreuz «made in Usbekistan». – Das Vaterland der Usbeken.
Sie können am Glücksrad der Vaterländer immer schneller drehen, wie verrückt und es wird immer grotesker. Es ist nur die Vernunft, die, wenn sie am Ende siegt, Gutes bewirkt. Der Rest kommt ins Birchermüesli am Dienstag.
CW/26.05.26


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