Zum 1. August 2026

Ich konnte mich mit Patriotismus nie anfreunden.

Dabei wurde uns schon als Kind eingetrichtert, dass die Schweiz und wir Schweizer etwas besonderes wären und dass wir Glück hätten Schweizer zu sein. Es ging um Wilhelm Tell und die Schlacht am Moorgarten, den Rütlischwur und den Bundesbrief. Es ging aber auch um die Hochkonjunktur in den 1960er Jahren. Es gab viele Gastarbeiter aus Italien. Sie lebten in Baracken und halfen uns beim Wohlstand. Sie selbst durften nach der Saison wieder nach Hause, um in der Heimat Italien ihre Familien durchzubringen. Wir Schweizer fuhren auch kurz nach Italien, an die Adria – oder die Riviera – in den Sommerurlaub und wer sich nicht ins Ausland traute, blieb einfach im langweiligen Tessin.

Am Schweizer Nationalfeiertag, dem 1. August, interessierten wir uns für Feuerwerk und Grillwürste und den berühmten Grillspiess von Walti mit Paprika-Pommes-Chips von Zweifel à discrétion. Schweizerfahnen, politische Reden und dergleichen waren Beiwerk. Das Gefühl mit zehn Luftheulern in der Hand etwas anzustellen war mit nichts zu vergleichen. Meistens ging alles gut und die Väter behielten recht und die besorgten Mütter irrten. Meistens.

Die patriotische Bildung war fester Bestandteil des Schulstoffs und fortwährende Verblendung zugleich. Der Wiener Kongress wurde, wenn überhaupt genannt, als Schweizer Heldentat stilisiert und nicht als Zwangsmassnahme zur Staatsgründung und Bildung einer neutralen Zone im feudalistischen Europa. Wir hatten keine Wahl.

Die Gründung des roten Kreuzes mit der Aufnahme der Bourbaki-Armee ging schon eher als Heldenstoff durch. Man kann das in Luzern im Panorama bewundern und dann gleich noch das Löwendenkmal zu Ehren der Schweizer Garde, die in Versailles abgemurkst wurde. Dufour machte den Sack zu. Er war der wahre Held der Schweiz und des Sonderbundskriegs. Die Gletschermühlen findet man gleich nebenan im Gletschergarten. Sie drehen sich schon lange nicht mehr. Das Spiegelkabinett ist easy: Einfach auf den Boden schauen.

Der Gletschergarten und das Drumherum waren und sind ein Panoptikum von Kuriositäten, die nicht den geringsten Zusammenhang haben. Die perfekte Metapher der Schweiz: Eine liebenswerte Kuriosität inmitten eines riesenhaften Europas. Wir haben keine Wahl.

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen 1. August aus meiner neuen Heimat in Okzitanien! – Ich vermisse diese Bratwürste…

Christian Wenger


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