Die Hitzewelle ist ein üppig bewirtschaftetes Thema, wohin man blickt, hört oder liest. Aus medialer Sicht sind Hitzewellen praktisch, weil sie mit der Sauregurkenzeit zusammenfallen, mit der Zeitspanne im Sommer, wenn die Zeitungen immer dünner werden oder einst wurden, als es noch Zeitungen gab. Heute wird der «Content» knapper und die Hitzewelle kommt gerade richtig.
Die Berichterstattung beginnt meteorologisch mit immer röteren Wetterkarten. Gelb fühlt sich dann schon kühl an und bei Orange überlegt man sich, ob Frau das Jäckchen abends wirklich zuhause lässt. Es könnte ja doch um zehn – man speist hier nicht vor acht – plötzlich noch ein Lüftchen ums Eckchen pfeifen. Rot macht dann den Sack zu: Man diniert drinnen und das Jäckchen ist mit dabei wegen Klimaanlage im Resto. – Zu kalt eingestellt wie schon das letzte Mal.
Nach ein paar Tagen werden in den Medien die Experten auf den Plan gerufen. Von den meisten hat man noch nie etwas gehört oder dann vor langer Zeit, bevor sie wegen Steuerbetrug oder sexueller Belästigung jäh aus ihrem Expertendasein gerissen wurden und abtauchten oder ein Buch schrieben. Jetzt sind sie wieder hoch im Kurs. Alles ist vergessen und wir erfahren von ihnen mit großen Augen und angehaltenem Atem, dass es eben doch nicht gut ist, die Fensterläden und die Fenster der 3-Zimmer-Dachwohnung bereits um zehn Uhr vormittags für zwölf Stunden zu schließen, was wir ohne Expertenrat ja nie getan hätten.
Wir erfahren von Ihnen, dass man im Freibad um zwölf nicht an der prallen Sonne liegen soll und nicht ins «kalte» Wasser springen aber vor allem keinen Alkohol trinken – womit alkoholische Getränke gemeint sind – und schon gar nicht rauchen. Es gibt auch beim Thema Hitzewellen mehrere ideologische Anspruchsgruppen, die bei einem kühlen Glas Leitungswasser am runden Tisch begrüßt werden wollen.
Die Klimaanlage ist die Lösung:
Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik gibt über die Richtung von thermodynamischen Vorgängen Auskunft, wonach Wärme stets von warm nach kalt fließt und nicht umgekehrt. Das macht aktive Klimageräte wohlfeil (aktiv = mit Strom betrieben), da es keine passiven Maßnahmen gibt, um die Erwärmung eines Raums bei einer Umgebungswärme von 30 Grad oder mehr zu verhindern oder umzukehren.
Also her damit !
Bloß benötigen die Klimaanlagen, die tatsächlich Wirkung entfalten, ein Außengerät und damit in der Schweiz eine Baubewilligung, was die – dank hohen Mieten arg gebeutelten – Mieterinnen erneut benachteiligt. Die Vermieter wären in der Pflicht, gehen es aber gelassen an. Sie wohnen selten in ihren Mietshäusern und der nächste Oktober kommt bestimmt. Die linken Politiker würden der wichtigen Wählergruppe der Mieter gerne helfen, aber Klimaanlagen sind ein zu heißes Eisen, passen nicht so zum «autofreien Zürich» und die meisten ihrer Zunft haben ja schon eine.
Die Klimapolitiker wie man sie nennt, haben in der Regel noch nie etwas vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gehört. Selbst wenn, würde sie das nicht überzeugen, denn Strafe muss sein: Wir müssen zuerst bestraft werden für unsere Klimasünden und zuallererst die Babyboomer mit ihren großzügigen geerbten Liegenschaften, die sie bis zum Tod bewohnen wollen, was einer Besetzung von dringendst benötigtem Wohnraum gleichkommt. Strenge Bauvorlagen für Klimaanlagen kommen hier so recht, wie es ihnen geschieht.
Fazit: Keine Klimaanlagen und der nächste Oktober kommt bestimmt.
Im heißen Süden Frankreichs sind wir uns Hitzewellen gewohnt. In den vergangenen vier Jahren deren fünf oder so. 40 Grad sind sportlich besonders auch noch um fünf auf dem Place unter den hohen Platanen mit Freunden. Zuerst ein kleines Bier, dann ein Quart de Rosé mit Eiswürfeln aus einem großen Kübel und dann kommt noch Boris oder Adam (fiktive Namen) um die Ecke und spendieren mir vielleicht une cigarette. Dann geht es mir richtig gut.
Klimaanlage «Clim» haben wir im Salon (aka Wohn-Essbereich) seit einem Jahr. Eine Baubewilligung war nicht vonnöten, ist aber nicht immer so. Die Denkmalschützer wachen auch hier über das Geschichtsbewusstsein der arbeitenden Bevölkerung und der Klimatisierungsgrad von Frankreich ist erschreckend tief. In Krankenhäusern und Schulen immer mehr aber ja nicht «carte blanche». Alle wiegeln ab und mahnen irgendetwas. Da helfen vorerst auch Hitzewellen nicht mit meteorlogischen Wetterkarten die die Grande Nation fast vollständig in Blut ertränken. Dann haben wir die Waldbrände (incendies). Acht von zehn werden im Durchschnitt von Arschlöchern verursacht.
Aber der nächste Oktober kommt bestimmt. Die Hauptreisezeit der Eidgenossen. Sie schwärmen durch klimatisierte Flughäfen und betreten klimatisierte Flugzeuge, die sie zu klimatisierten Flughäfen ferner Reiseziele bringen, wo sie klimatisierte Fahrzeuge betreten, die sie zu ihren Hotels bringen in deren Lobbys sie wärmstens empfangen werden, von Angestellten, die den halben Tag dort frieren bei 20 Grad. Sie betreten ihre klimatisierten Hotelzimmer und am Morgen freudig die klimatisierten Restaurants mit dem Frühstücksbuffet und etwas später dann den Hotelstrand und den Poolbereich, wo sie sich nach 20 Minuten lang ersehnter Sonnenwärme im gekühlten Pool mit maximal 27 Grad erfrischen oder vielleicht im Meer, aber lieber doch nicht, wegen der Quallen.
Klimaanlagen wohin das Auge blickt, bloß nicht dort, wo sie uns am meisten nützen würden. Der nächste Juni kommt bestimmt.


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