Israel

Im Jahr 1995 besuchte ich Israel zusammen mit meinem Vorgesetzten dem CEO des Unternehmens. Wir hatten den Auftrag im Markt Israel unseren Vertriebspartner zu auditieren und Alternativen ausfindig zu machen. Ich war ein wenig nervös. Es gab viele politische Spannungen so wie heute und Reisen nach Israel erforderten viel Aufmerksamkeit schon in der Vorbereitung. Es war zum Beispiel ratsam, sich einen neuen Reisepass zu beschaffen. Hatte man einen Stempel von Südafrika, zuvor noch Apartheid, in seinem Pass, bekam man kein Visum ausgestellt. Ich hatte einen Stempel der vereinigten arabischen Emirate in meinem Pass. Er stammte von einem Besuch bei Freunden in Abu Dhabi ein Jahr zuvor. Damit konnte ich reisen, wurde aber gewarnt, dass die Befragungen bei der Einreise etwas länger dauern könnten.

Am Flughafen Zürich gab es damals ein separates Terminal für Israel-Flüge. Es befand sich weit draußen auf dem Tarmac in sicherer Distanz zu den Gebäuden des Flughafens und es bestand seit dem Coronado-Attentat von 1970, soweit ich weiß. Wir wurden mit dem Bus dorthin transferiert. Die Kontrollen waren sehr ausführlich und damals schon etwa vergleichbar mit den Kontrollen, wie wir sie uns seit 9/11 gewohnt sind. Zwei Stunden später saßen wir im Flugzeug nach Tel Aviv und wir landeten spät in der Nacht. Nach der Gepäckannahme kam die Einreisekontrolle. Mein Gepäck wurde durchleuchtet und ich wurde von einem Beamten freundlich aber bestimmt und vor allem ausführlich befragt. Anschließend wurde ich nochmals befragt, von einer Beamtin. Es waren nicht exakt dieselben Fragen, ich erkannte aber ein Muster. Mein früherer Aufenthalt in einem arabische Land interessierte besonders.

Nach der Einreise fuhren wir mit dem Taxi in unser Hotel in Tel Aviv. Es befand sich direkt am Strand. Kaum waren wir eingecheckt, erhielt ich einen Anruf in mein Hotelzimmer. Es war vermutlich etwa Mitternacht. Der Anrufer entschuldigte sich für die Störung (!) und erklärte sein Interesse, sich als künftiger Vertriebspartner vorstellen zu dürfen. Ich fragte ihn, woher er den Zweck unserer Reise erfahren hatte. Er lachte und erklärte mir, dass ich in Israel sei und dass man das eben wisse, sonst würde man ja nicht viel taugen als Vertriebsfirma in einem äußerst kompetitiven Markt. Wir vereinbarten ein kurzes Treffen im Hotel nach dem Frühstück.

Die folgenden Tage waren hektisch. Jeder der Anwärter führte uns zu seinen ausgewählten Kunden, die sich wie seine besten Freunde verhielten und uns das Auftragspotenzial vor Augen führten, welches uns bislang verwehrt war. Es waren marktführende Unternehmen der Medizinaltechnik, der Rüstungsindustrie und der Telekommunikation. Israel hatte schon damals eine marktführende Stellung in diesen Industrien und man kannte sich vor allem aus dem Militär, wo man zusammen gekämpft und das Land verteidigt hatte. Darüber wurde manchmal gesprochen aber der Ton änderte sich sofort. Da wurde nicht gelacht, wie wenn Schweizer von der Rekrutenschule und den WKs palavern. Sie wurden ernst und wortkarg. Viele kamen damals nicht lebend zurück, trotzdem man gesiegt hatte. Die emotionale Bereitschaft zu kämpfen, war ihnen ins Gesicht geschrieben.

Die Büros der Anwärter waren von vorn bis hinten herausgeputzt; die Mitarbeitenden waren vollzählig und bestens gelaunt anwesend. Man war bemüht einen perfekten Eindruck zu hinterlassen und das fiel nicht schwer. Es arbeiteten auch immer Araber in den Büros oder von mir aus Palästinenser. Ich fragte manchmal danach im nächtlichen Ausgang. Ich war Mitte dreißig und wollte wissen, wie die Wirklichkeit aussah, mit den armen unterdrückten Palästinensern aus den Nachrichten. Es hatte viele von ihnen dort in den Restaurants und den Clubs. Sie arbeiteten in Israel oder in der Westbank und Gaza und sie kamen nach Tel Aviv in den Ausgang. Das Nachtleben von Tel Aviv war unglaublich, so als gäbe es keinen Morgen. Sie waren alle friedlich, die meisten von ihnen säkular und viele waren sie gute Freunde.

Unsere Anwärter waren extrem beharrlich. Man ließ uns keinen Augenblick unbeobachtet, wollte keine Sekunde verpassen in der man uns irgendwie beeindrucken konnte. Mein Chef erwähnte in einem der Gespräche, dass er morgens am Hotelstrand gerne schwimmen geht. Am nächsten Morgen erwartete ihn jener Geschäftsführer bereits am Hotelstrand und leistete ihm beim Schwimmen Gesellschaft. Ich erlebte das perfekte Zusammenspiel von eiserner Zielorientierung mit großherziger Offenheit.

Ich sah das Land und seine kargen Ortschaften auf den zahlreichen Fahrten. Es war alles dem Zweck untergeordnet. Selbst im etwas mondäneren Tel Aviv waren Prunk und Luxus kaum zu sehen. Das hat sich im Zeitgeist etwas geändert aber nicht sehr stark. Man baut keine Glaspaläste, wenn einem dauernd Raketen um die Ohren fliegen.

Ich beanspruche keine Deutungshoheit, aber ich war einmal dort und nicht wegen Urlaub. Deshalb kann ich die Millionen von Dummköpfen nicht begreifen, die heute kritiklos nach Zweistaatenlösungen und sonst etwas schreien und nicht die geringste Ahnung von diesem Land haben und wie es sich dort anfühlt.

Ich habe dann noch einige Jahre mit unseren Vertriebspartnern in Israel zusammengearbeitet, geprägt von Respekt und Freundschaft.

Die Reise hat sich gelohnt.


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